Virtuoses Gitarrenspiel á la Jack White und sexy wie The Black Keys – das sind nur zwei Attribute, die dem Rock Duo The Picturebooks zugeschrieben werden können. Mit ihrem neuen Album „Home Is A Heartache“ im Gepäck und The Loranes im Vorprogramm haben sie den Rosenkeller Jena gerockt. Vorher hat uns Sänger Fynn unter anderem noch verraten, welche Nachteile das kontinuierliche Touren hat, wie wichtig aufgeräumte Schränke im Kopf sind und wie der Durchbruch in Amerika gelungen ist.

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Sarah: Die Dauertourer Fynn und Philipp haben auf ihren selbst zusammengebauten Choppern schon so einige Kilometer von einem Gig zum nächsten absolviert. Der Titel ihres neuen Albums – „Home is a Heartache“ – deutet an, dass sich in dieser Zeit einiges an Sehnsucht angestaut hat.

Fynn: Wir waren drei Jahre kontinuierlich unterwegs und haben so viele Sachen erlebt, für die wir irgendwie nie so wirklich Zeit hatten, die zu verarbeiten und zu verstehen, was da eigentlich passiert ist. Wir sind direkt aus dem Tourbus ins Studio und haben einfach drauf losgeschrieben und haben echt viel auf diesem Album improvisiert und haben das einfach – so wie Therapie eigentlich – genutzt und haben einfach drauf los gespielt.

Sarah: Was therapiert werden musste, wird auch in dem Song „Inner Demons“ deutlich: Sänger Fynn thematisiert dort seine während der Tour aufgetretenen Panikattacken.

Fynn: Ich glaube, dass mein Tagesrythmus mich so aus der Bahn geworfen hat, dass ich einfach durcheinander war. Damals war das vor zwei Jahren Tag 1, wo das losging, auf Tour. Das war in Southampton. Wir haben die Show gespielt und am nächsten Morgen im Starbucks in South Hampton hab‘ ich die gekriegt. Das war das erste Mal, dass wir eine eigene Tour gemacht haben und das war auch einfach neu für mich, das war ein Druck, der auf mir gelastet hat, dieses kontinuierliche Touren, dieses Nie Zeit haben was zu verarbeiten, kein Tagesablauf, das hat alles dazu geführt. Das hab ich dann einfach in dem Jahr, in dem wir Home Is A Heatache gemacht haben, komplett geändert, weil wir alle gemerkt haben, dass das echt einen aus der Bahn wirft, wenn man keinen Tagesrythmus einhält, dass man so irgendwie diesen Schrank in seinem Kopf aufgeräumt lässt.

Sarah: Der Sound der Picturebooks lässt nicht vermuten, dass das Duo in Gütersloh aufgewachsen ist und sich dort ein eigenes Studio eingerichtet hat. Doch immer wieder zieht es die beiden auch nach Amerika.

Fynn: Es ist auf jeden Fall unser zweites Zuhause. Seit 17 Jahren fahre ich da jährlich hin, seit ungefähr 7 Jahren leben Philipp und ich halb in Kalifornien, halb hier. Das war halt irgendwann da dieser Wendepunkt in Europa, auf einmal waren wir nicht mehr die deutsche Band, sondern die amerikanische Band.

Sarah: So mit zwei Herzen in der Brust, was bedeutet da noch Heimat?

Fynn: Es gibt ja das schöne Sprichwort „Home Is where the Heart is“. Home is a Heartache hat so viele Perspektiven, von denen man das begucken kann. Einerseits, dass wenn man hier ist, Amerika vermisst und andererseits, wenn man in Amerika ist, das hier vermisst. Wenn man nicht auf Tour ist, vermisst man die Tour. Dieses Tourleben ist seit fünf Jahren unser Zuhause. Um jetzt mal Truckerromantik reinzubringen: die Straße ist unser Zuhause. Dann die ganze Geschichte, dass man die Heimat – also für uns jetzt Gütersloh – sich auf Tour total anders ausmalt, also viel schöner macht, als es eigentlich ist. Man hat natürlich Heimweh und in diesem Heimweh stellt man sich gewisse Dinge viel romantischer und schöner vor und kommt dann nach Hause und – zu Unrecht und eigentlich auch total unfair – ist man dann enttäuscht. Oder relativ schnell lernt man wieder, „Ah, deswegen wollten wir jahrelang hier raus“.

Sarah: Den Wunsch, raus zu wollen, genauso wie die Entscheidung, mit der Musik alles auf eine Karte zu setzen, haben Fynn und Philipp schon sehr früh getroffen.

Fynn: Also ich war 15 und ich hab‘ Philipp schon ein Jahr gekannt und da haben wir uns entschieden, eine Band zu gründen und haben oben in meinem Dachboden, als Philipp noch auf einer Snare gehauen hat, die aus einer IKEA-Mülltonne bestand und ich durch den gleichen Amp gesungen hab, durch den ich auch Gitarre gespielt hab. Ich war 17, als wir damals mit Noisolution unseren ersten Plattenvertrag unterschrieben haben. Ich bin aus dieser Schule geflogen wie kein Zweiter. Ich war auf Tour, während ich 12 Jahre gebraucht habe für meinen Hauptschulabschluss. Es gab nur diesen Plan, darum geht’s in dem Song „On These Roads I’ll Die“, es ist ein harter Titel natürlich, aber er ist halt definitiv so gemeint. Es gibt keinen Plan B, nur diese Richtung, bis wir sterben im The Picturebooks-Sein. Wenn wir wirklich nicht kontinuierlich spielen, auch wenn wir im Studio sind, können wir nicht überleben.

Sarah: Ausverkaufte Shows in Europa, großer Erfolg in Amerika. Diese Karriere lässt schnell vergessen, dass es am Anfang alles andere als leicht war, Aufmerksamkeit in Amerika zu erregen.

Fynn: Zu dieser Zeit, das waren so sieben Jahre, als wir hier so in Deutschland, Österreich und der Schweiz rumgkrebst sind, jeder Versuch, ins Ausland zu gehen, ist halt daran gescheitert, dass wir deutsch waren. Wenn’s nach England ging, wenn wir da mit Labels geredet haben, dann war die erste Frage „Wo seid ihr her?“ „Aus Deutschland.“ und dann wurde aufgelegt usw. oder Kommentare wie „Alles aus Deutschland ist scheiße“, ohne uns jemals gehört zu haben. Wir wollten immer eine international spielende Band sein, und haben auf einmal über Nacht eine Nachricht auf Instagram bekommen von Cedric Bixler Zavala, das ist der Sänger von At The Drive-In, und der hat gefragt „Habt ihr nicht Bock in L.A. zu spielen?“ und wir so „Klar!“ und sind mit falschem Visum rüber, haben dort total Ärger an der Grenze gehabt. Und wir haben ein einziges Konzert gespielt im Harvard & Stone, das ist in Hollywood. Und haben über Nacht ein internationales Label gehabt, ein internationales Management und eine internationale Bookingagentur und sind seit diesem Tag bis heute auf Tour – international, während wir vorher alles versucht haben.

Sarah: Einfach mal Pause machen, das kommt für die beiden nicht in Frage.

Fynn: Ab dem Moment, in dem Philipp und ich nichts für The Picturebooks machen, sind wir echt ein „mess“, also dann sitzen wir echt so da und wissen nicht wirklich viel mit uns anzufangen. Das wird dann auch direkt da weitergehen mit ans nächste Album denken, wir reden aber jetzt schon wieder von viel zu viel Touren schon wieder für nächstes Jahr.

Sarah: Egal, ob vor 5 oder 500 Besuchern, Sänger Fynn und Drummer Philipp, der liebevoll das Biest genannt wird, geben bei jedem Konzert 110%. Lasst es euch nicht entgehen!